Camp, Glitzer und Sichtbarkeit: Warum der Eurovision Song Contest für viele queere Menschen ein Pflichttermin ist, welche Momente ihn geprägt haben und was dich auf einer ESC-Party erwartet.
Im Mai wird in vielen queeren Bars und Clubs der Fernseher zur Hauptattraktion. Dann läuft der Eurovision Song Contest (ESC), und aus einer Fernsehshow wird ein Fest. Wer noch nie dabei war, fragt sich oft, warum ausgerechnet ein Musikwettbewerb mit Pyrotechnik und Windmaschinen zur Pflichtveranstaltung geworden ist. Dieser Text erklärt es und sagt, was dich auf einer ESC-Party erwartet.
Wo die Liebe herkommt
Der Wettbewerb läuft seit 1956. Die Kulturwissenschaftlerin Christine Lötscher, Professorin für Populäre Literaturen und Medien an der Universität Zürich, sieht die Wurzeln in der Ästhetik. Der ESC stand von Anfang an für Camp, Kitsch und Glitzer. Camp heißt: Etwas, das als schlechter Geschmack gilt, wird absichtlich gefeiert und dadurch attraktiv. Lötscher sagt im Interview mit SRF: „In einem ästhetischen Sinne ist Queersein Camp“, weil beides die Geschmacksurteile einer gebildeten Mehrheit zurückweist.
Dazu kommt, dass queere Menschen auf der Bühne sichtbar wurden, lange bevor das im Alltag üblich war. Das schafft Identifikation.
Die Momente, die sich eingeprägt haben
PinkNews nennt als ersten offen schwulen Teilnehmer den Isländer Paul Oscar 1997. Er wurde 20. von 25, doch sein Lied fiel dem schwulen Publikum auf. Bei den „Ersten“ hängt es allerdings an der Definition: Andere Medien setzen die Zählung anders an.
1998 gewann Dana International für Israel mit „Diva“ in Birmingham. Sie ist eine trans Frau, ihr Sieg gilt als Meilenstein für die Sichtbarkeit von trans Personen. Laut Lötscher bleibt sie eine Ikone queerer Bewegungen in Israel und Ägypten.
2007 siegte Marija Šerifović für Serbien mit „Molitva“. Sie war damals nicht öffentlich geoutet und sagte erst 2013, dass sie lesbisch ist.
2014 gewann die österreichische Drag-Künstlerin Conchita Wurst. Der russische Politiker Wladimir Schirinowski verurteilte den Auftritt öffentlich.
2023 gewann die bisexuelle Sängerin Loreen. 2024 holte Nemo für die Schweiz den Sieg. Nemo ist nicht-binär und hielt auf der Bühne die nicht-binäre Flagge vor der Schweizer Flagge. Lötscher liest das als Botschaft, dass die Schweiz mehr als zwei Geschlechter braucht.
Wie eine ESC-Party abläuft
Die Abläufe sind einfach. Die Show läuft live auf einer Leinwand, die Gäste kommentieren, jubeln, buhen und bewerten. Welches Rahmenprogramm es gibt, hängt vom Veranstalter ab, frag also vorher nach.
In Berlin zeigte das SchwuZ den ESC 2023 laut Veranstaltungskalender der Siegessäule auf der großen Leinwand. In Wien zeigte das Belvedere ein Public Viewing als Auftakt der Reihe „Queering the Belvedere“, und ein queerer Hub im Volksgarten begleitete die Wettbewerbswoche. Für das Finale 2026 plante der SWR in Karlsruhe ein Public Viewing mit bis zu 3.500 Fans in der Schwarzwaldhalle. Die Angaben zu Berlin stammen aus 2023, die zu Karlsruhe aus der Planung vor dem Finale; prüfe das Programm der nächsten Ausgabe selbst.
Ein praktischer Tipp: Das Finale läuft am Abend über mehrere Stunden. Sichere dir bei beliebten Orten früh einen Platz. Bei kleineren Bars hilft es, vorab zu fragen, ob reserviert werden kann.
Mehr als Party
Lötscher beschreibt die Fankultur auch als Archiv. Auf TikTok schneiden Fans Videos mit den ikonischen Momenten zusammen und halten so die queere Geschichte des Wettbewerbs lebendig. Außerdem sieht sie darin politisches Potenzial: Queere Fankultur zeige, dass es Räume gibt, in denen Autokraten Vielfalt nicht einfach verbieten können.
PinkNews nennt rund 180 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer und beschreibt den ESC als Zufluchtsort für LGBTQ+-Menschen. Ein garantiert sicherer Raum ist eine ESC-Party deshalb nicht. Wie bei jeder Veranstaltung lohnt ein Blick darauf, ob der Veranstalter ein Awareness-Konzept hat.
Kritik und Streit
Die Liebe ist nicht unumstritten. In einer Umfrage des Instituts Marketagent in Österreich nannten nur 23,5 Prozent Vielfalt und die LGBTQ+-Community als Assoziation mit dem ESC; kritische Stimmen zu vorhersehbaren Wertungen und politischen Einflüssen fielen teils häufiger aus. 2022 wurde Russland nach dem Angriff auf die Ukraine ausgeschlossen. 2024 gab es Boykottdrohungen von Fans wegen der Teilnahme Israels.
Stand der Angaben: Oktober 2026.
Häufige Fragen
Quellen
- srf.ch · interview-zu-esc-fankultur-mehr-als-show-so-nutzt-die-queere...
- thepinknews.com · lets-settle-this-once-and-for-all-why-do-queer-people-love-e...
Zuletzt geprüft: 23. Oktober 2026