Von dreizehn lesbischen Treffpunkten im Schöneberg der Zwanziger über ein umbenanntes DDR-Grenzboot bis zu L-Tunes mit über tausend Gästen: Die Geschichte der lesbischen Partyszene in Berlin ist auch eine Geschichte davon, wann sie ihren eigenen Namen tragen durfte.
Wer heute zu L-Tunes nach Berlin geht, tanzt in einer Reihe, die sich nicht traute, ihren eigenen Namen zu tragen, bevor sie ihn trug. Bis in die neunziger Jahre hinein liefen Partys für Frauen, die Frauen lieben, unter Umschreibungen und Codenamen. Das Wort „lesbisch“ im Veranstaltungstitel war die Ausnahme, nicht die Regel.
Schöneberg in den 1920ern, die erste große Sichtbarkeit
Berlin bot lesbischen Frauen schon einmal eine Szene, die ihresgleichen suchte. Allein im südöstlichen Schöneberg zählten Historiker:innen dreizehn lesbische Treffpunkte, dazu kamen zahllose gemischte Kneipen und Bars für Schwule, Lesben und trans Personen gemeinsam. Das Eldorado, Berlins berühmtester queerer Nachtclub jener Jahre, öffnete 1924 an der Kantstraße, zog 1927 in die Lutherstraße und 1931 an die Ecke Motzstraße/Kalckreuthstraße – und empfing neben schwulen Männern und Travestiekünstler:innen auch lesbische Gäste. Wer es privater wollte, traf sich in reinen Frauenlokalen wie Ida Fürstenaus Kneipe in Kreuzberg oder in Gerda Kelchs Kabarett in Schöneberg. Eigene Vereine, Zeitschriften und Veranstaltungen machten lesbische Frauen ab 1919 sichtbarer, begünstigt durch die gesellschaftliche Liberalisierung der jungen Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten beendeten diese Sichtbarkeit gewaltsam; das Eldorado wurde 1933 geschlossen.
Von der Umschreibung zum eigenen Namen
Die offene Szene, die daraus entstand, brauchte Jahrzehnte, um wieder an die zwanziger Jahre anzuknüpfen – und noch länger, um Partys tatsächlich „lesbisch“ zu nennen. Das Label MegaDyke Productions organisierte 1993 die erste eigene Veranstaltung in Berlin, ab 1994 dann explizit als „MegaLesbenPartys“ beworben, zunächst in der Alten TU-Mensa, später im Tränenpalast. Der Bruch war bewusst: Das Wort „lesbisch“ im Titel zu führen, galt damals als ungewöhnlich mutig, weil die meisten vergleichbaren Veranstaltungen lieber neutrale oder verschlüsselte Namen wählten.
Es folgte eine bewegte Reihe von Location-Wechseln. Von 1997 bis 1999 fand monatlich eine Partyreihe auf der MS Sanssouci statt, einem ehemaligen Grenzboot der DDR-Wasserpolizei, das unter dem Namen MS TitaniCa „für Lesben und Freund:innen“ gastierte, bis das Schiff verkauft wurde. Ab September 1999 übernahm Subterra im SchwuZ an der Mehringdamm – die erste lesbische Party überhaupt in diesem bis dahin vor allem schwul geprägten Club. Nach eigener Aussage der Veranstalter:innen brachte Subterra „die ersten Lesben in Massen“ ins SchwuZ und senkte über die Jahre die Hemmschwelle, den Ort überhaupt zu betreten. Die Reihe lief bis Anfang 2006.
Aus der Nischenparty wird die größte der Stadt
Im März 2006 startete L-Tunes als Nachfolgereihe, mit einem Programm, das bewusst auf Vernetzung und musikalische Vielfalt setzte statt auf ein einzelnes Genre. Was als weitere Monatsparty begann, wuchs zur größten lesbischen Party Berlins: 2014 kamen bereits über tausend Gäste zu einer einzigen Ausgabe. 2017 zog die Reihe an die Rollbergstraße, bevor sie zu wechselnden Locations überging – inzwischen war „L-Tunes“ fest genug etabliert, dass die Marke wichtiger wurde als eine feste Adresse. Seit Mitte der Neunziger richtet dasselbe Team außerdem jährliche CSD-Partys aus, aktuell unter dem Namen LIQUID PRIDE, in größeren Locations und mit entsprechend gemischterem Publikum.
Was die Reihe heute ausmacht
L-Tunes richtet sich an lesbische, bi- und trans Frauen sowie – je nach Abend – ihre männlichen Freunde, offen formuliert für ein FLINTA-Publikum, das Verabreden, Anbandeln oder einfach nur neue Bekanntschaften sucht, ohne sich ständig erklären zu müssen. Parallel dazu ist in Berlin ein zweiter Ableger entstanden: Das SchwuZ selbst startete mit „Letz Be On“ eine eigene Reihe für Frauen, die sich vor allem durch geladene Gäste von L-Tunes unterscheidet – ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage längst über eine einzelne Partyreihe hinausgewachsen ist.
Der Weg von Ida Fürstenaus Hinterzimmerkneipe über ein umbenanntes DDR-Grenzboot bis zu einer Party mit über tausend Gästen zeigt vor allem eines: Sichtbarkeit für lesbische Nachtkultur war nie selbstverständlich. Jede Generation musste sie sich neu erkämpfen – gegen Verfolgung in den Dreißigern, gegen Zurückhaltung in den Neunzigern und heute gegen die schlichte Seltenheit fester Frauenräume im Nachtleben, die längst wieder öfter zu wechselnden Locations und wandernden Partyreihen wie L-Tunes selbst geführt hat.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 11. August 2026