Alkoholfreie Partys für Menschen, die trotzdem tanzen, flirten und bis spät bleiben wollen: Was hinter der wachsenden Sober-Szene in queeren Clubs steckt und wo sie in Deutschland stattfindet.
Warum Alkohol in der queeren Szene so präsent ist
Für queere Menschen waren Gay Bars über Jahrzehnte oft die einzigen Orte, an denen sie offen sie selbst sein konnten, und Alkohol gehörte fast immer dazu. Wer aus einem Umfeld kam, das einen ablehnte, fand im Club nicht nur eine Tanzfläche, sondern eine Art Ersatzfamilie, in der ein Feierabend-Drink zum sozialen Ritual wurde. Damit erklärt sich auch, warum Nüchternheit in der Szene lange als Randthema galt, das eher etwas mit Sucht als mit einer bewussten Entscheidung zu tun hatte. Genau dagegen entsteht seit einigen Jahren eine Gegenbewegung.
Lemonade Queers: eine Party, die zeigt, wie es anders geht
In Berlin steht die Partyreihe „Lemonade Queers“ für diesen Wandel. Vlady Schklover postete vor einigen Jahren auf Facebook, dass er sich Freund:innen wünsche, die nüchtern ausgehen. Aus der positiven Resonanz entstand ein erstes Treffen im Südblock, bei dem er Momo Strödecke kennenlernte. Gemeinsam veranstalteten die beiden im darauffolgenden Pride Month die erste offizielle Party im SchwuZ in Neukölln, mittlerweile fest im Kalender des Clubs verankert. Schklover beschreibt die Lücke, die er schließen wollte, so: Es fehlten Orte, an denen sich Menschen treffen können, die nicht trinken, ohne dass die eigene Nüchternheit zum Hauptthema des Abends wird. Strödecke ergänzt, dass gerade in der queeren Szene besonders viel konsumiert werde.
Das Konzept von Lemonade Queers verbindet einen offenen „Connection Space“ zum Kennenlernen mit kuratierten Auftritten aus Drag, Poetry, Comedy und Livemusik, bevor der Abend ins Tanzen übergeht. Eine eigens zusammengestellte alkoholfreie Getränkekarte ersetzt die übliche Cocktailkarte, ein Ruheraum und Sitzsäcke sorgen für Rückzugsmöglichkeiten während der Nacht.
Kein Einzelfall mehr
Mittlerweile steht Lemonade Queers neben einer ganzen Reihe ähnlicher Formate. Mit dem Kollektiv Einfach Techno veranstaltet der Void Club die Reihe „I Am The Drug“, bei „Tender Sesh“ laufen alkoholfreie Raves, und die etablierte Partyreihe „Lunchbox Candy“ bietet inzwischen eine eigene „Sugar free“-Edition ohne Alkohol an. International vernetzt sich die Szene über Accounts wie „Sober Dancefloor“, die weltweit queere Sober-Events sammeln. In den USA, Kanada und Skandinavien gibt es alkoholfreie Tanzevents schon länger, in Deutschland laufen die ersten Formate dieser Art seit rund zehn Jahren, wachsen aber gerade spürbar. Was sie eint, ist der Anspruch, eine eigenständige queere Sober-Szene aufzubauen, statt sich an vorwiegend heterosexuell geprägte Nüchternheits-Angebote anzuhängen, in denen queere Themen selten vorkommen.
Zudem verstärken Trends wie „Dry January“ oder ein allgemein bewussterer Umgang mit Konsum diese Entwicklung, ebenso öffentliche Debatten über die gesundheitlichen Folgen von Alkohol. Ein Treiber dieser Entwicklung ist ein Generationswechsel: Unter 18- bis 25-Jährigen trinkt laut einer vielzitierten Erhebung nur noch rund ein Viertel regelmäßig Alkohol, 2004 war es noch etwa jede:r Zweite.
Auch international rückt das Thema in den Mainstream. Auf Eventbrite stieg die Zahl alkoholfreier Veranstaltungen zwischen Januar und September 2023 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 73 Prozent. In New York nahm die Organisation Gay & Sober 2025 mit der Kreuzfahrt-Party „The Dance on the River“ erstmals offiziell am Programm der NYC Pride teil, nicht mehr als Nebenveranstaltung, sondern als regulärer Programmpunkt neben den großen Partys der Pride-Woche.
Was einen sober feiernden Abend ausmacht
Von klassischen Clubnächten unterscheiden sich Sober Partys selten im Line-up oder in der Musik, sondern vor allem im Rahmen drumherum. Statt Cocktails gibt es meist eine durchdachte alkoholfreie Getränkekarte, oft mit eigens kreierten Mocktails statt bloßem Wasser oder Softdrinks. Außerdem legen viele Reihen Wert auf Rückzugsorte, etwa einen ruhigen Raum abseits der Tanzfläche, und auf Gesprächsformate zu Beginn des Abends, die das Ankommen erleichtern. Wer eine Veranstaltung sucht, findet sie meist über die Social-Media-Kanäle der jeweiligen Reihe oder über größere Sammelaccounts wie Sober Dancefloor, seltener über die klassischen Clubkalender.
Für wen das relevant ist
Sober Partys richten sich nicht nur an Menschen in Recovery. Ausdrücklich sprechen die meisten Reihen auch alle an, die aus gesundheitlichen, finanziellen oder einfach persönlichen Gründen weniger oder gar nicht trinken wollen, ohne deshalb auf Nachtleben und Community zu verzichten. Wer bislang das Gefühl hatte, in der queeren Szene automatisch zwischen Party und Nüchternheit wählen zu müssen, findet hier eine dritte Option: feiern, ohne dass das eigene Trinkverhalten überhaupt zum Gesprächsthema wird. Selbst wer regelmäßig trinkt, profitiert am Rand von dieser Entwicklung, weil mit jedem neuen Sober-Format auch der Druck sinkt, auf einer Party überhaupt etwas trinken zu müssen, um dazuzugehören.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 21. August 2026